Redebeitrag beim Schulstreik

Redebeitrag von Frederico Elwing, [‘solid] Tübingen beim Schulstreik der FSO am 12.6.08

Die Schule spielt eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft. JedeR muss sie besuchen, jedeR hat angeblich die gleichen Chancen und trotzdem sind wir am Ende alle verschieden: HauptschülerInnen, RealschülerInnen, GymnasiastInnen.

Die kapitalistische Gesellschaft begreift Bildung in erster Linie als Qualifikation für das Berufsleben. Zweck der Bildung ist einerseits die Veredelung der Ware Arbeitskraft und andererseits die Auslese von geeignetem Personal. Bildung dient somit den Interessen der Herrschenden.

In Deutschland und ganz besondes in Baden-Württemberg hängt der schulische Erfolg stärker vom sozialen Hintergrund der Eltern ab, als in anderen Ländern. In Baden-Württemberg sind Klassengrößen von über 30 SchülerInnen an der Tagesordnung. Nach kapitalistischer Logik sind die vermeintlich Schwächsten die am wenigsten Verwertbaren und damit auch die am wenigsten Förderungswürdigen. Dies zeigt sich auch im Mangel an Ausbildungs- und Studienplätzen und in den katastrophalen Verhältnissen an den Hauptschulen.

Besonders deutlich wird dies an der frühzeitigen Auslese beim Wechsel auf eine weiterführende Schule. Einmal in ein lernschwächeres Umfeld einsortiert, wird es den SchülerInnen sehr schwierig gemacht, einen höheren Bildungsabschluss zu machen.

Die Zweiklassenbildung beginnt allerdings nicht erst nach der vierten Klasse, in der das erste Mal offiziell aussortiert wird, wer der zukünftigen Elite eventuell angehören darf und wer nicht. Bildungserfolg wird zur Privatsache gemacht und hängt von Interesse und Geldbeutel der Eltern ab. Bei Kindern deren Eltern zur „Elite der Gesellschaft“ gehören, zeichnet sich schon heute ein Trend zur Privatschule ab. Teure Nachhilfestunden um in der Schule mitzuhalten, werden erwartet und sind weit verbreitet. „Erstklassige“ Bildung gibt es also nur für die, die es sich leisten können. Die Privatisierung der Bildung hat längst begonnen.

Dem entgegen steht die Förderung von Kindern aus armen, sogenannten „bildungsfernen“ Elternhäusern: sie findet quasi nicht statt. So geht es im derzeitigen Bildungssystem nicht darum, möglichst vielen Menschen möglichst nützliches Wissen und Fähigkeiten bei zu bringen, sondern darum, dass im Großen und Ganzen die, die in der Gesellschaft oben sind, auch oben bleiben und die, die unten sind, auch unten bleiben.

Bildung sollte zur Demokratisierung beitragen: alle sollten so viel lernen, dass sie an gesellschaftlichen und politischen Prozessen mitmachen können. Gerade dies leistet die aktuelle Schule nicht: Es wird im Gegenteil daran gewöhnt, immer nur das zu tun, was von einem verlangt wird. Selbstbestimmung und Kreativität sind selten möglich.

Bildung ist ein Grundrecht aller Menschen. Sie darf daher nicht zur Ware werden. Wir wenden uns gegen jegliche Formen von Privatisierungen im Bildungsbereich. Wenn Bildung in die Hände privater Profitgier fällt, wird sie an betriebswirtschaftlicher Logik gemessen und Menschen werden aufgrund ihres sozialen Status’ ausgegrenzt.

Um den gleichen Zugang für alle SchülerInnen zu ermöglichen, fordern wir eine wirkliche Durchsetzung der in der Landesverfassung festgeschriebenen Lernmittelfreiheit!

Wir fordern kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung der Schulen!

Wir fordern die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und die Einführung einer Gemeinschaftsschule, in der alle SchülerInnen länger gemeinsam lernen!

Und wir sagen ganz klar: Das Recht der Versammlungsfreiheit muss über der Schulpflicht stehen. Wenn SchülerInnen an Demonstrationen teilnehmen möchten, dürfen ihnen keine Repressionen seitens der Schulleitungen oder -ämter drohen!

Wir wollen Druck machen für grundlegende Bildungsreformen. Reformen, die sich an den Interessen der SchülerInnen orientieren und bei denen nicht die soziale Herkunft den Bildungsweg bestimmt. Reformen, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensumfeld ermöglichen. Wir setzen uns für selbstbestimmte Bildung und mehr Mitbestimmungsrechte für SchülerInnen ein.

Lernfabriken abschaffen! – Schule geht auch anders!